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Zeit der Experimente muss vorbei sein

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noethi
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Zeit der Experimente muss vorbei sein

Beitrag von noethi » 05 Sep 2010 14:30

Zeit der Experimente muss vorbei sein

Eine Klimakonferenz jagt die andere, alle mit dem selben Ergebnis, es muss dringend etwas getan werden. Nur bei der Umsetzung im Individualverkehr hapert es.

Da wird die Brennstoffzelle hoch gejubelt und Millionen an Subventionen in die Entwicklung gesteckt. Gemäss früheren Versprechen aus der Automobilindustrie, sollten eigentlich die ersten Serienfahrzeuge bereits heute auf der Strasse sein. In der Zwischenzeit wissen wir die Brennstoffzelle hat gewiss Zukunft, aber wohl kaum im PKW/LKW. Heute will die Deutsche Regierung bis 2020 eine Million Elektrofahrzeuge in Verkehr haben und es werden wieder Millionen an Subventionen gesprochen. Natürlich hat eine solche Ankündigung Deutschlands Auswirkungen auf ganz Europa. Seither sind alle anderen alternativen Antriebe in der Versenkung verschwunden. Wie vor 10Jahren bei der Ankündigung der Brennstoffzelle, bis man ein paar Jahre später feststellen musst, das wird wohl nichts. Aber nun mit den Elektrofahrzeugen wurde der Gral der Klimarettung scheinbar gefunden, notabene zum Zweiten mal nach der Brennstoffzelle.

Es gibt alternative Antriebe die heute vorhanden sind und auch funktionieren. Der Erdgasantrieb zum Beispiel hat das Potential einen wichtigen Beitrag zum Klima- und noch wichtiger zum Ressourcenschutz bei zu tragen. Vergessen wir nicht es geht nicht alleine um CO2 Reduzierung, genau so wichtig ist die heutige Abhängigkeit vom Oel zu verringern.

Erdgas kann sehr leicht durch Biogas substituiert werden, welches die CO2 Bilanz drastisch verbessert und je nachdem woher der Strom kommt sogar besser als mit Elektrofahrzeugen ist. Die Infrastruktur ist, zumindest um eine Grundversorgung zu gewährleisten, vorhanden. Fahrzeuge rollen heute ab Band mit dem Erdgasantrieb. Warum tümpelt dann ein so viel versprechender Treibstoff so vor sich hin? Es gibt viele Gründe einige möchte ich hier nennen.

Schönes Beispiel mit ihrem Föderalismus ist die Schweiz, aber auch in Deutschland ist es nicht viel anders. In der Schweiz wurde von der Gasindustrie eine Firma Erdgas Mobil AG gegründet mit folgendem Zweck (Auszug aus dem Handelsregister):

Marketingunterstützung als Dienstleistung für regionale und lokale Erdgasversorgungsunternehmen im neu aufzubauenden Geschäftsfeld "Erdgas als Treibstoff"; Koordination der vernetzten Marketingaktivitäten in der Funktion eines schweizerischen Kompetenzcenters im Geschäftsfeld "Erdgas als Treibstoff".

Es ist also eine reine Marketing Firma die auch noch mit sehr wenig Geld bestückt wurde und zwei Leute beschäftigt und so will also die Gasindustrie das Geschäftsfeld „Erdgas als Treibstoff“ aufbauen, funktioniert das? Natürlich nicht, aber das dürfte wohl kaum jemanden verwundern. Auch dort wo diese Firma eigentlich ihre Stärke haben sollte im Marketing, passiert nicht mehr viel. Zwar werden schöne Flyer gedruckt und Filmchen sind im Internet verfügbar, aber weiss Frau Berta Müller das man mit Erdgas ausser Heizen auch Autofahren kann? Nein, denn Landesweite Werbekampagnen sieht man keine, TV Spots bewerben das Kochen und Heizen mit Gas und ganz zum Schluss kommt „auch Autofahren kann man damit“. Wie damit neue Erdgasfahrer geworben werden sollen ist mir nicht klar.

Jedes gasliefernde Werk und von diesen gibt es viele in der Schweiz, errichtet seine eigene Erdgastankstelle. Natürlich hat nicht jedes kleine Stadtwerk das Personal und fachliche Kompetenz so etwas zu stemmen, also helfen da die Grossen mit. Nur erfolgt dies alles mehr oder weniger unkoordiniert. Die Erdgas Zürich als Beispiel hat versucht so viele Tankstellen wie möglich zu errichten. Die Anlagengrösse war da zweitrangig, da ja so oder so niemand tankt, Hauptsache viele Zapfsäulen und billige Anlage. Aber wehe wenn dann doch plötzlich Fahrzeuge zum Tanken kommen. Dann reicht die Kapazität der Anlage nicht aus, es muss sehr teuer erweitert werden, die Bastelei beginnt. Da hat der Betreiber Erfolg und kann sein Produkt verkaufen, aber weil man falsch konzipiert hatte beim Bau wird es ein finanzielles Fiasko. Dieser Betreiber denkt darüber nach einige Tankstellen still zu legen, weil sie nie werden wirtschaftlich betrieben werden können. Abbau einer im Aufbau befindlichen Infrastruktur, die Signalwirkung kann man sich vorstellen.

In Deutschland war es ähnlich, eine Erdgasmobil Gesellschaft wurde gegründet, diese sollte die Stadtwerke beraten und unterstützen bei der Errichtung von Tankstellen. Natürlich funktionierte das auch in Deutschland nicht. Heute erstellt die „neue“ Erdgasmobil unter dem Regime der EON Ruhgas die Anlagen selber, was wohl der richtige Weg wäre, würde das ganze System nicht von einer einzigen Firma abhängen. Man kann sich vorstellen was eine RWE davon hält, wenn die EON Ruhrgas auf ihrem Gebiet eine Erdgastankstelle betreibt.

Was macht der Staat, der so viel in Brennstoffzellen und Elektrofahrzeuge investiert? Na ja er reduziert die Mineralölsteuer auf Erdgas bis 2018 um es finanziell attraktiver zu machen und sonst? Sonst macht er nichts, aber dafür den Regierenden den Schwarzen Peter zu zu schieben wäre etwas einfach. Im Parlament sitzen Leute die keine Ahnung haben, das man mit Erdgas auch Auto fahren kann. Für die ist Erdgas zum Kochen und Heizen da und ausserdem gefährlich weil es explodieren kann. In der Schweiz gibt es eine Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie. Eine solche Kommission erarbeitet Vorschläge zuhanden des Parlamentes. Nun hat diese Kommission sicherlich auch Wege zu suchen den CO2 Ausstoss zu verringern. Wissen die Mitglieder dieser Kommission das dies mit Erdgas als Treibstoff sehr einfach und vor allem sofort möglich wäre? Ich bin überzeugt sie wissen es wenn nur ungenügend, da versagt die Lobbyarbeit völlig. Die Gasindustrie hat es nicht geschafft ein funktionierendes Lobbying aufzubauen, wie es die Erdölindustrie schon lange hat. So ist es nahezu unmöglich die Politik auf seine Seite zu bringen gegen eine Erdöllobby die den Konkurrenztreibstoff natürlich nicht gerne sieht. Damit ist Erdgas als Treibstoff in der Politik kein Thema und somit auch nicht im öffentlichen Blickfeld.

In Europa wird alles geregelt, sogar die Krümmung von Bananen. Nur beim Thema Erdgas als Treibstoff bringen es die Länder nicht fertig eine gemeinsame Norm zu verabschieden. Seit Jahren gibt es eine provisorische Norm für den Bau von Erdgastankstellen die wohl nie definitiv werden wird. Somit hat jedes Land auch noch seine eigenen Regeln. Die Schweiz geht noch einen Schritt weiter. Sogar dort wo sich die Europäer geeinigt haben, kommt eine SUVA (Schweizerische Unfall Versicherungsanstalt) und erstellt eigene Regeln. Mit der Auswirkung das speziell für die Schweiz Anlagenkomponenten gebaut werden müssen, die natürlich teurer sind als im Rest Europas. Die Gasindustrie bringt es nicht fertig, mit ihren Fachleuten die SUVA davon zu überzeugen, das dieses Vorgehen nicht notwendig ist, da für die Sicherheit bereits die bestehenden Normen ausreichen.

Es gibt keine Norm/Regeln für den Betrieb der Anlagen, jeder macht was er will. Neustes Beispiel war die Ankündigung eines Erdölmultis in der Schweiz bei Erdgastankstellen auf seinen Tankstellen die 24h Selbstbedienung einzuschränken. Begründet wurde dies mit tödlichen Unfällen die passierten als Flüssiggasfahrzeuge mittels manipulierten Adaptern versucht haben Erdgas zu tanken. So sollte es nur noch möglich sein innerhalb der Shop-Öffnungszeiten Gas zu tanken. Komischerweise muss nicht die Industrie, welche umbauten auf Flüssiggas vornimmt dafür sorgen das ihre Fahrzeuge nicht explodieren, sondern die Erdgastankstelle muss dies tun. Die Erdgasfahrer werden für tödliche Manipulationen der Flüssiggasfahrer und die Unzulänglichkeiten der Sicherheitseinrichtungen in solchen Fahrzeugen bestraft. In diesem speziellen Fall hat die Gasindustrie schnell gehandelt und das Gespräch mit dem Multi gesucht. Das Thema ist damit aber noch nicht ganz vom Tisch, aber zumindest wird mal geredet.

Zusammenfassend warum ist Erdgas als Treibstoff aus meiner Sicht nicht die Erfolgsstory die es eigentlich sein müsste bei den Rahmenbedingungen? Ich mache folgende Hauptmängel aus:

- keine Koordination/Zusammenarbeit der Gasindustrie untereinander
- absolutes Versagen im Bereich des politischen Lobbyings der Gasindustrie
- kein (koordiniertes) Marketing das über die so oder so bereits informierten Kreise hinaus geht
- Fehlauslegungen der Anlagen, damit ist kein wirtschaftlicher Betrieb möglich
- zu komplizierte Normen für den Bau von Tankstellen (damit sind die Anlagen zu teuer)

Die Technik ist vorhanden und die Fahrzeuge sind vorhanden um CO2 zu reduzieren und andere umweltschädliche Stoffe zu eliminieren. Die Zeit der Experimente muss endlich vorbei sein und das längst mögliche muss endlich möglich gemacht werden.

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